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  • Olaf

Am Dom zu Trier


Überquerung der Mosel

01.07.2020

Lieber über die Mosel gehen als über den Deister, dachte ich bei mir als wir heute Morgen die Moselbrücke in Schweich überschritten. Heute konnten wir Drei uns überhaupt nicht mehr gut riechen, denn die Duschen des Campingplatzes hatten funktioniert und unsere Körper und Klamotten wieder in einen sozialverträglichen Zustand versetzt. Heute wollten wir endlich unsere Pilgerausweise abholen. In der Information neben dem Dom soll laut Internetseite das Pilgerbüro sein. Dort wollten wir vorsprechen, Ausweis und Muschel in Empfang nehmen und uns dann dekorativ damit vor dem Trierer Dom fotografieren.

Die Strecke hinter der Brücke verlief weitestgehend an einer befahrenen Strasse bis auf die Stellen, wo sie an einer Autobahn entlang führte, es war laut und stank nach Abgasen. An ein entspanntes laufen war nicht zu denken. Auch war der Rucksack heute besonders schwer. Es war ja auch der dritte Tag mit eigenem Gepäck. Wenn man eine neue Aktivität anfängt, ist der dritte Tag immer der, an dem es schleppend läuft. Das habe ich schon oft beobachtet, deswegen machte ich mir keine großen Sorgen darüber, dass wir nur sehr zäh vorankamen. Wir schleppten uns durch Industrie und Gewerbegebiete bis wir schließlich vor dem Trierer Dom standen. Die Information mit dem Pilgerbüro war schnell gefunden. Wir ließen uns auf der Bank davor nieder. Ich machte mich auf, unseren kleinen Fußmarsch endlich zu legitimieren. An der Info stand eine hagere, blasse Dame mit Brille und strengem Blick. Völlig sachlich gab sie mir die Anträge für unsere Ausweise und als ich sie ausgefüllt zurückgab, fertigte sie unsere Pässe an, das Ganze wirkte, als würde ich ein Buch in einer Bibliothek ausleihen. Eine Muschel für unseren Rucksack hatte sie nicht, aber ein paar Straßen weiter gäbe es ein Fischgeschäft, da sollte ich es mal probieren. Sie hätte nur kleine Muscheln aus Silber für den Hals. Dann standen wir da mit unseren lieblosen Ausweisen, ohne Muschel und ohne Idee für eine Bleibe. Ich wundere mich, warum ich mich eigentlich darüber gewundert habe. Auf allen meinen Wegen haben sich die katholischen Einrichtungen den Pilgern eher skeptisch bis abweisend gegenüber verhalten. Bei katholischen Gemeinden bin ich immer wieder weggeschickt worden, während uns bei den evangelischen Gemeinden, bei denen wir vorsprachen ausnahmslos die Türen geöffnet wurden. Es gibt eine einzige Ausnahme, die die Regel bestätigt, die katholische Gemeinde St. Peter in Hemmerde. Da waren es aber auch nicht die offiziellen Vertreter der Kirche, sondern Mitglieder der Gemeinde, die uns einen tollen Aufenthalt beschert haben. Ansonsten ist zu beobachten, dass die katholische Kirche den Weg gerne in klingende Münze umwandelt, aber ihr die stinkigen Pilger eher lästig sind. In Frankreich und Spanien ist der Weg von den Freunden des Caminos organisiert. Sie betreiben ehrenamtlich die Herbergen und betreuen die Pilger. Jeder von ihnen ist selbst schon den Weg gelaufen und kennt die Schwierigkeiten und Bedürfnisse der Wanderer. Das alles läuft auf Spendenbasis. Auch stellen sie in Frankreich die Pilgerpässe aus. Das geht aber nicht einfach so, klatsch, bumms, Stempel drauf und tschüss, wie wir das heute erlebt haben. Es gibt immer eine kurze Unterhaltung über Beweggründe, kurze Tips, wenn man zum Beispiel mit einem Hund reist, dazu eine Liste mit Unterkünften und jede Menge ernst gemeinte gute Wünsche. In Bayonne kriegt man dann noch eine Muschel für den Rucksack dazu. Das Ganze geschieht dort in einer Ecke der Kathedrale bei Kerzenlicht. Wer kann spendet für Ausweis und Muschel, wer nicht kann, bekommt sie trotzdem und Gottes Segen noch dazu. Man bekommt das Gefühl, das man die Ehre hat, etwas besonderes tun zu dürfen und das es sehr wichtig ist, dass man diesen Weg geht. Nach so einer Einleitung geht man den Weg gleich mit viel mehr Respekt und Ehrfurcht. Wir erhielten heute gegen Bezahlung ein liebloses Stück Papier. Nicht einmal Glück wünschte man uns für die Reise, von Gottes Segen ganz zu schweigen. Da hatten wir dann auch keine Lust mehr den Dom mit einem Bild von uns und ihm zu Ruhm zu verhelfen.

Wir aßen schnell etwas und machten uns dann auf den Weg nach Konz an die Saarmündung. Dort fanden wir einen sehr netten Campingplatz wieder direkt an der Mosel. Wir bauten auf und ich machte mich mit Finn auf den Weg zu einem Einkaufszentrum, um Badelatschen zu ersteigern. Finn hatte noch keine und ich brauchte leichtere, als die Crocs, die ich mit hatte. Mir war im Laufe Tages aufgefallen, dass ich, wenn ich unbeschwert mit den Jungs mithalten will, die Last auf meinem Rücken noch etwas verringern müsste. Also packte ich den kompletten Rucksack aus und trennte mich noch von ein paar weiteren Dingen. Alles in Allem waren das fast zwei Kilo. Die packte ich in die Kartons der kürzlich ersteigerten Badelatschen und bringe sie dann morgen früh zur Post.

Wir gingen zeitig in unsere Kojen und wären sicher auch früh eingeschlafen, wenn die Nachbarin mit der Stimme eines Hamburger Marktschreiers, aber ohne dessen Charme, nicht bis ein Uhr in der Nacht trunken rumkrakelt hätte. Alle mündlich und laut vorgetragenen Einwände der gesamten Nachbarschaft zeigten überhaupt keine Wirkung. Ich war kurz am überlegen, ob ich ihr die Stromkabel abziehe, aber dann hätte ich aufstehen müssen. Das war mir dann aber auch zu umständlich, also ertrug ich den Krach, bis bei der Nachbarin der Wein alle war. Das Leben ist halt kein Ponyhof, es sei denn man hat ne Pferdehaarallergie.

im Hintergrund der Platz von letzter Nacht
Das Caminozeichen am Pilgerbüro ist natürlich falsch ausgerichtet
Lukasz beim Ausfüllen des Passantrages
alte Getränke bitte mitnehmen, bevor sie hier rumstinken

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