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Ankunft auf dem Weg


Der erste Wegweiser auf unserer Reise

12.06.2020

Welch ein historisches Datum. An diesem Tag vor 21 Jahren besiegte Werder die Bayern im Pokalfinale und dann noch im Elfmeterschießen. Welch ein Triumph. Als ich heute Morgen aufwachte fühlte ich mich allerdings eher nicht so triumphal, wie es diesem feierlichen Tag entsprochen hätte. Eher so, wie Werders Situation momentan ist, einfach grauenvoll.

Es war gestern sehr warm gewesen und alles klebte, die Luft war stickig und überall krochen Insekten und pieksten Mücken. Kaffee kochen ging nicht, wegen Brandgefahr. Bei Facebook beschimpfte mich irgendwer wegen Tierquälerei auf spanisch und wollte mich irgendwo heimsuchen, weil er mir schon seit zwei Jahren auf den Fersen ist. Wenn er gegoogelt hätte, hätte er das auch schneller haben können. Aber das muntert einen auch nicht gerade auf. Es ist schon komisch, die Leute, denen wir direkt begegnen, sind durchweg positiv gestimmt, wenn sie uns treffen. Aber online gibt es scheinbar Leute, die schimpfen einfach mal so in der Gegend rum. Da macht einer was mit Tieren und hat womöglich noch einen Traktor, dann ist er ein Tierschänder und Umweltverschmutzer. Aber damit muss man wohl leben. Die Erlebnisse unterwegs wiegen das locker wieder auf.

Allerdings war ich davon heute Morgen nicht so wirklich überzeugt. Ich wollte eine Dusche oder mich zumindest vernünftig waschen können, die Stoppeln im Gesicht nervten, das Gepäck müsste mal vernünftig sortiert werden und auch die Schuhe mal wieder gefettet und überhaupt, ein ruhiges und sauberes Plätzchen wäre mal nicht schlecht. Ich weckte die Jungs und wir bauten sehr schleppend ab. An einigen Tagen geht das wie von selbst, an anderen ist es mehr eine Qual und zieht sich in die Länge, so auch heute. Lukasz hatte, während ich versuchte unsere Zaunlitze zu enttüdeln, einen Weg durch das gestern noch undurchdringbare Dornengebüsch gefunden. Allerdings mussten die Esel dafür einen kleinen Graben überwinden und sich dann durchs Dickicht eine Böschung heraufkämpfen. Das war auf keinen Fall mit Gepäck möglich und es war fraglich, ob sie das überhaupt mitmachen würden. Bei Eseln weiß man ja nie so genau. Wobei Larry und Sjørd eigentlich alles mitmachen, manchmal dauert es zwar etwas länger, aber einen kriegt man immer überzeugt und dann folgt der andere. Hierbei möchte ich kurz anmerken, dass wir da keine Risiken eingehen und nur da lang gehen, wo wir es für sicher befinden. Aber der Esel hat so seine eigenen Vorstellungen davon, was er für sicher hält. Wir kennen inzwischen die Eigenarten der Beiden und gehen darauf ein. Sjørd mag beispielsweise überhaupt keine Gullideckel, entdeckt sie aber gerne spät, was zur Folge hat, dass er vor Schreck einen kleinen Satz zur Seite macht. Das kann an einer Straße unter Umständen schlimme Folgen haben. Also achten wir alle auf Gullideckel, führen ihn sicher drumherum und gehen aber selber drüber. Bei Larry hat das schon gewirkt, der ignoriert inzwischen die meisten von ihnen.

Wir führten die Esel an den Graben heran und sie folgten tatsächlich brav. Es war kein Problem, die Tiere auf die Strasse zu bringen. Wir machten sie an einem Brückengeländer fest und Lukasz und ich holten das Gepäck, während Finn sich um die Esel kümmerte.

Die Sonne war heiß und die Klamotten klebten am Körper, wir hatten noch nichts gefrühstückt und ich hatte wie gesagt noch keinen Kaffee. Rings um uns rum nur Felder und Bäume, eine sehr hübsche Gegend mit einigen stattlichen landwirtschaftlichen Betrieben oder Reiterhöfen, die allesamt sehr gepflegt wirkten. Trotz meines desolaten Zustandes konnte ich das Laufen genießen, denn ich hatte heute eselfrei. Wir haben verabredet, dass jeder zwei Tage einen Esel führt und dann einen Tag ohne laufen kann. Das ist ganz entspannt und man kann mal in seinem eigenen Rhythmus laufen. Außerdem würden Finn und Ich sonst ständig die Esel führen, da Lukasz der Geschickteste von uns Dreien im sich rausreden ist. Wenn er mal kurz den Esel hat, dann dauerte es nicht lange und mit irgendeinem wichtigen Grund drückte er einem das Seil mit den Worten: „Hier halt mal kurz!“, in die Hand. Schwubs ist er dann immer so lange weg, bis man selbst vergessen hat, dass man schon wieder der Esel ist, der einen anderen führte. Um das zu ändern schufen wir den eselfreien Tag für Jedermann.

Heute war also mein Tag und wir zogen zügig ohne Zugzwang, bis uns ein Zug zwang vor einem beschrankten Bahnübergang unseren Marsch auf Stehen zu beschränken.

Als der Zug vorüber war sah ich auf der anderen Seite des Bahnüberganges eine Bergwerkskarren mit der Aufschrift „Glück auf“. Das können wir gebrauchen dachte ich. Die Schranken öffneten sich und wir kamen in ein sonniges kleines Örtchen. Ich hörte mit einmal ein Wasserplätschern von rechts und wir entdeckten einen netten schattigen, kleinen Gang mit Wasserbassins an der Seite, durch die das Wasser in einen kleinen Bach lief. Es gab eine Bank und wir machten Rast. Lakasz hatte auf der Karte einen Bäcker entdeckt und ich machte mich auf den Weg. Vor mir führte eine kleine Gasse ein wenig den Berg hoch und die Sonne strahlte dabei hell vom Himmel. Das fühlt sich langsam echt nach Jakobsweg an, dachte ich bei mir. Ich ging in eine kleine gemütliche Bäckerei mit zwei sehr herzlich wirkenden Damen, die extra für mich frischen Kaffee kochten. Mein Unmut vom Morgen war irgendwie verflogen. Während ich auf der Treppe der Bäckerei in der Sonne saß und die schmale Gasse entlang guckte, war die Welt auf einmal in Ordnung.

Ich kehrte mit dem Kaffee und ein paar Kuchen zu Finn und Lukasz zurück und nachdem wir uns gestärkt hatten, zogen wir tiefenentspannt weiter in den Ort hinein. In der Mitte gab es einen kleinen Platz mit einem kleinen aber recht gemütlichen Supermarkt, nach dem Motto, wir haben ganz viel da, aber leider nur ganz wenig Platz dafür. Auf den ersten Blick wirkte er völlig chaotisch, auf den zweiten Blick herrlich gemütlich. Lukasz und ich kauften ein und wir zogen weiter die Strasse hinauf. Rechts auf einer Anhöhe lag eine Kirche. Dort angekommen sagte Lukasz plötzlich: „Olaf guck mal, da…“. Und ich guckte und sah und zwar einen Stein auf dem eine blau-gelbe Kachel mit einer Muschel angebracht war. Das Zeichen des Jakobsweges bzw. des Caminos, wie der Pilger sagt. Ich hatte mich seit Eintreffen in dem Ort schon irgendwie so gefühlt, als wären wir auf dem Weg und nun stand da tatsächlich das erste Hinweisschild mit Kilometerangabe auf unserem Weg. Da erstrahlt das Pilgerherz und auch Lukasz Gesichtsausdruck sagte, dass er ähnlich empfand. Das hört sich für den Außenstehenden jetzt vielleicht etwas befremdlich an, aber jeder, der den Weg schon einmal nach Santiago gegangen ist, weiß genau, was ich gerade meine.

Wir gingen hoch zu Kirche, um uns umzusehen. Da kam ein Junge in Arbeitshosen und fragte uns, ob wir Wasser für die Esel bräuchten. Gerne, antworteten wir und er ging mit uns zu dem nebenan gelegenen Kindergarten und wir füllten die Wassersäcke. Neben der Kirche gelegen stehen ein paar Bäume in deren Mitte ein Altar errichtet ist und darum sind Bänke in einem Oval angeordnet. Die Äste und Blätter der Bäume rechts und links vereinen sich in der Höhe, so dass sie wirken, wie ein Kirchenschiff. Das ist mal ein Gotteshaus. Es war angenehm kühl dort und wir beschlossen dort erstmal abzusatteln und ein wenig zu rasten. Da kam der Junge wieder und diesmal brachte er seinen Vater mit. Dieser telefonierte ein wenig herum, ob wir vielleicht dort nächtigen könnten, konnte aber niemand erreichen, der dies verbindlich zusagen konnte denn Hemmerde hat seit längerem schon keine eigene Pfarrstelle mehr und wird nun aus Unna betreut. Er meinte aber, wir sollten es uns erstmal gemütlich machen, er kläre das schon irgendwie und käme später nochmal wieder. Wir machten es uns in der Freiluftkirche gemütlich und ich muss zugeben, dass ich für einen kurzen Moment auf die Idee kam auf dem Altar Bohnen mit Speck zu kochen, natürlich nur aus religiösen Gründen. Das Wäre dann quasi ein Abendmahl frei nach Bud Spencer.

Der nette Vater des Jungen kam kurze Zeit später wieder und meinte, dass er alles geklärt hätte, hier wäre der Schlüssel zum Gemeindehaus, damit wir den Sanitärbereich nutzen könnten. Wir sollten ihn nur morgen früh, bevor wir abreisen, wieder in den Briefkasten des Kindergartens gegenüber werfen.

Wir bauten unser kleines Feldlager vor dem Gemeindehaus auf und wuschen erstmal uns und unsere Klamotten. Dann Schuhe fetten, Ausrüstung auf Vordermann bringen, dabei festgestellte Verluste beklagen und in der Sonne sitzen und Unsinn reden.

An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Hemmerde

Lukasz baut mit Finn dessen Tarp auf
Der Reiseleiter beim Schuhe putzen
Vor dem Putzen muss man bürsten
Auch die Schnürsenkel gehören gewachst
Die armen Esel müssen schon wieder entspannen

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