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  • Olaf

Bleibt alles anders


Finn drückt genau im richtigen Moment den Auslöser

29.06.2020

„Der Traum ist aus“ , sang einst Rio Reiser und man könnte meinen, wenn man den Anfang dieses Refrains hört, es wäre nun alles aus und vorbei, doch dann fügt er kämpferisch singend die Worte an, „aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird!“ Nicht aufgeben, wenn es von der einen Richtung nicht klappt, dann kommt man halt von einer anderen wieder und sollte das auch nicht funktionieren, dann probiert man es einfach mit einem anderen Werkzeug. Problemsituationen verantwortungsvoll und zielorientiert zu lösen, genau darum geht es beim Pilgern und genau das soll so eine Wanderung den Jungs vermitteln. Das Ziel nicht aus den Augen verlieren, auch nicht bei Niederschlägen. Aufstehen, Krone richten und weiter geht es. In einem sind Finn, Lukasz und ich uns völlig einig, wir wollen das Ziel zusammen erreichen. Das geht nur, wenn wir uns den Gegebenheiten anpassen.

Also hieß das für heute, einfach weiterlaufen und nach vorne gucken. Völlig routiniert und ohne viel Worte zu wechseln packten wir am Morgen unsere Sachen und zogen weiter Richtung Trier. Nach einiger Zeit bemerkte Finn, dass ihm heute Morgen das Kauen der Esel beim Aufwachen gefehlt hätte. Mir war es genauso gegangen nach dem ich heute Morgen die Augen aufgemacht hatte. Es war ein Loch entstanden. Zwei gute Weggefährten waren nicht mehr da.

Wir trotteten halb mechanisch und gedankenversunken in Richtung des nächsten Ortes mit Supermarkt. Der Tag hatte schon beim Aufstehen nach Regen ausgesehen und so waren wir in voller Regenmontur gestartet. Das war weise, denn kurz vor der Ortschaft begann es zu regnen. Plötzlich holte uns das Knallen eines amtlichen Gewitters aus unseren Gedanken. So als wollte jemand sagen, nun habt ihr genug Trübsal geblasen, konzentriert Euch auf das wesentliche und kriegt eure Ärsche schnell ins Trockene. Wir retteten uns vor dem nun einsetzenden Dauerregen genau im richtigen Moment unter das Dach des Einkaufswagenunterstandes direkt vor dem Supermarkt. Das war perfektes Timing. Das Unwetter dauerte genauso lange, wie wir brauchten, um nacheinander einzukaufen und das Nötigste zu frühstücken. Finn hatte sich sogar heldenhaft in das Unwetter gestürzt, um zwei Strassen weiter heißen Kaffee beim Bäcker zu organisieren. Beim betreten des Supermarktes steuerten Lukasz und ich, wie gewohnt als erstes zu den Karotten. Es war ein komisches Gefühl, als uns einfiel, dass wir nun in absehbarer Zeit keine mehr kaufen müssen.

Bald verschwanden Blitz und Donner und wir konnten uns einigermaßen gestärkt wieder auf den Weg machen. Die heutige Etappe begann recht einfach, gestaltete sich aber im Laufe des Tages immer schwieriger und es gab drei oder vier Passagen, an denen wir mit den Eseln gescheitert wären und deswegen viele Kilometer Umweg hätten machen müssen. Das war bis jetzt noch nie der Fall gewesen. Larry und Sjørd mussten zwar manche Herausforderung bestehen, aber ausgerechnet heute, einen Tag nachdem sie nach Hause gefahren sind, treffen wir auf Teile der Strecke, die wir ihnen nicht hätten zumuten können. Man könnte meinen, dass der Weg uns quasi prompt bestätigte, dass wir richtig entschieden hatten. Genau als wir dies feststellten, erhielt ich von zu Hause ein Foto, auf dem Larry und Sjørd vergnüglich in der Sonne dösten.


Die Esel chillen gemütlich zu Hause

Unsere Stimmung verbesserte sich im Laufe des Tages genau wie das Wetter. So kamen wir einigermaßen gut gelaunt bei strahlendem Sonnenschein in der Kreisstadt Wittlich an. Da wir ohne Esel waren, war es uns auf einmal möglich ganz normal essen zu gehen. Da hatten wir noch gar nicht drüber nachgedacht, dass das jetzt problemlos möglich war. So steuerten wir freudig die erste Pizzeria mit Terrasse an. Man bemerkte uns erst gar nicht und als doch, bediente man uns sehr flüchtig von oben herab. Das hatten wir so auf der Tour noch nicht erlebt. Bis jetzt hatten unsere Esel den Leuten eigentlich immer ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und die Leute sind uns positiv entgegengetreten. Nun sind wir anscheinend nur noch drei ungeduschte Rucksackträger mit kleinem Hund. Da kann man ja nie wissen...

Nachdem wir nach 45 Minuten warten endlich die Rechnung erhalten hatten (Lukasz hat die Wartezeit damit verbracht, seinen Unmut darüber halb in polnisch, halb in Deutsch in die Bewertung des Restaurants bei Google Maps einfließen zu lassen), liefen wir zum nächsten Supermarkt, deckten uns für den Abend und das morgige Frühstück mit Proviant ein und zogen dann in ein Waldgebiet zu einem auf unserer Karte eingezeichneten Picknickplatz. Oberhalb davon fanden wir dann ein ideales Plätzchen im Wald für die Nacht.

Den Blick nach vorne geht es voran
nur nicht wankeln, sonst wird es nass
Lukasz hat nen Vogel
unser Lagerplatz für heute



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