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  • Olaf

Der Reinfall von Metz


Lukasz vor alter Kirche auf Fluss

02.07.2020

Finn und ich machten uns am Morgen auf, meine Pakete zur Post zu bringen und einen schönen Kaffee in der Stadt zu trinken. Das Vorhaben glückte auf Anhieb und so waren wir gegen halb zehn wieder am Campingplatz. Lukasz und ich hatten gestern errechnet, dass wir es auch ohne Esel nicht schaffen würden, die Route in einer passablen Zeit komplett zu laufen. Es gibt zwar eine minimale Chance, dass wir bis Mitte Oktober da sind, aber dann muss auch wirklich alles glatt laufen und wir müssen täglich mindestens 20-25 Kilometer laufen. Das würde in totalen Stress ausarten und Stress ist gern die Ursache für Fehlentscheidungen und Unvorsicht. Das könnte man mit einem alten Kumpel versuchen, aber nicht im Rahmen einer Maßnahme mit Jugendlichen.

Richtig wichtig ist es uns, den Camino Frances von St.-Jean-Pied-de-Port bis ans Kap Finesterre zu Fuß zu laufen. Unsere Füsse brauchen jetzt schon ein wenig Ruhe. Finns große Zehen drohen so langsam mit einer Nagelbettentzündung. Sie brauchen ein paar Tage Luft. Wir beschlossen also heute nicht zu laufen, sondern mit dem Zug nach Metz zu fahren, dort zwei Nächte zu bleiben und dann von da aus weiterzulaufen. Die Ursprungsidee war sowieso dahin. Nun galt es, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und das Beste aus der Situation zu machen. Wir müssen niemand etwas beweisen und die fehlenden drei Monate können wir nicht aufholen, ohne dass es gesundheitsgefährdend wird. Muskeln, Gelenke, Sehnen, Knochen und Geist brauchen ihre Erholugspausen, gerade bei jungen Leuten im Wachstum. So, nun habe ich keine Lust mehr, das weiter zu rechtfertigen, wir haben das hier vor Ort nun mal so entschieden.

Ich reservierte im Zug vom Handy aus ein Zimmer in einem F1 Hotel, etwas östlich außerhalb des Zentrums von Metz gelegen. Das buchen viel mir im fahrenden Zug schwer, ständig spiegelte sich die Sonne auf dem Display und blendete mich. Auch brach mitunter die Verbindung ab. Ungefähr nach einer viertel Stunde hatte ich aber alle Schwierigkeiten überwunden und erhielt eine Buchungsbestätigung per Email. Ich überflog sie flüchtig, lehnte mich dann ganz entspannt zurück und genoß die Zugfahrt.

Gegen Mittag kamen wir dann in Metz am Bahnhof an, die Sonne schien und wir dachten, wir essen erst einmal etwas beim Schachtelwirt. Die nächste Vertretung eines Restaurants zur goldenen Möwe war ein paar hundert Meter entfernt vom Bahnhof an einem großen öffentlichen Platz mit Springbrunnen. Die Jungs hatten großen Hunger und ich war früher fertig, also ging ich schon einmal mit meinem Rucksack vor die Tür und setzte mich auf eine Mauer am Rand des Platzes, um in Ruhe eine zu rauchen. Als ich fertig war, die Kippe ausdrückte und in den neben mir stehenden Mülleimer schnipste, fuhr gerade ein mit vier Mann besetztes Polizeiauto sehr langsam an mir vorbei, ich bemerkte es eigentlich erst richtig, als sie rechts neben mir einbogen und anhielten. Aus dem hinteren Fenster kam eine recht autoritäre Stimme aus finsterer Miene, die irgendetwas daherbrüllte. Ich konnte nicht einmal erkennen, dass das französisch war und zuckte nach guter ukrainischer Gefahrgutfahrermanie einfach freundlich guckend mit den Achseln. Gleichzeitig spulte ich all mein Wissen über die französische Sprache ab, verwechselte das aber in der Aufregung mit meinem Wissen über die spanische Sprache. Das Ergebnis meines mehrsprachigen Erklärungsversuches veranlasste ale vier Insassen des Streifenwagens ruckartig aus diesem auszusteigen, auf mich zuzustürmen und mich sofort auf Tuchfühlung zu umringen. Da ich in unserem beschaulichen Martfeld solche Situationen eher selten erlebe, war ich zugegeben etwas erschrocken. Ob sie Englisch sprächen fragte ich freundlich auf Französisch. Der eine antwortete in akzentfreiem Englisch mit der Frage, wo ich herkomme und was ich hier wolle. Ich antwortete ihm in Englisch, ich sei Pilger und würde hier einfach nur sitzen. Dann redete er wieder auf Französisch zu seinen Kollegen und reagierte gar nicht mehr auf mich. Ich verstand nur etwas von Drogen und Waffen und spreizte in voraneilendem Gehorsam meine Arme rechts und links ab. Auf Englisch munterte ich sie auf, mich zu durchsuchen. Das taten sie dann auch und fanden dabei mein Taschenmesser. Mein gutes Opinel, es hat mich auf so vielen Reisen begleitet. Aber die Polizisten machten nicht den Eindruck, als würden sie konstruktiver Kritik meinerseits offen gegenüberstehen. Sie berieten noch ein wenig und zogen dann genauso schnell wieder ab, wie sie gekommen waren. Sehr zu meinem Ärger natürlich mit meinem Messer. Wenn ich wenigstens verstanden hätte, was die von mir wollten Sie haben mich nicht nach meinem Namen gefragt und wollten auch keinen Ausweis sehen. Nebenbei sind sie mir ohne Mundschutz so nahe gekommen, wie noch niemand sonst auf unserer Reise, denn wir halten uns an den Mindestabstand. Dazu haben sie noch ordentlich rumgebrüllt, warum auch immer, ich habe sie sowieso nicht verstanden. Von Außen muss das ganze Schauspiel aber ganz lässig ausgesehen haben, denn die beiden Jungs waren schwer beeindruckt, als sie kurze Zeit später vom Essen kamen, sie hatten alles durch die Scheibe verfolgen können. Ich bin nur froh, dass sie nicht gehört haben, was für einen Quatsch in vier Sprachen ich in meiner Aufregung da alles so zusammengestammelt habe.


Der perfekte Platz für eine Pause

Die Jungs hatten noch zwei Kaffee und etwas Eis zum Mitnehmen mitgebracht und wir machten uns auf den Weg Richtung Hotel, in der Hoffnung unterwegs einen netten Platz im Grünen zu finden, an dem wir unsere Leckereien verzehren könnten.

Wir fanden einen Wildbach links neben unserere Strecke, an dessen Rand ein paar schöne Felsen ideal zum drauf sitzen waren. Wir suchten uns den Schönsten aus und ließen uns dort ganz gemütlich nieder. Fussel versuchte die ganze Zeit ans Wasser zu kommen. Sie hatte ganz offensichtlich Durst. Finn bemerkte das und bot sich an Wasser für sie aus dem Fluß zu schöpfen.

Doch er lehnte sich in voller Montur

ein wenig zu weit über die Kante nur,

Nun verlor er schon ganz bald

zuerst sein Telefon und dann den Halt

worauf er stur verfolgend sein Ziel

völlig ungebremst ins Wasser fiel.


Finn im Wasser
Die Suche nach dem Handy

Ich hatte den Schreck mit den Polizisten noch nicht ganz verdaut und nun fällt der ins Wasser und das schon wieder ohne vorher Bescheid zu sagen, damit ich ein Foto hätte machen können. Der Fluss war nicht tief und es war gleich klar, dass außer feuchten Klamotten, nichts ernsthaftes passieren hätte können. Aber Finns Telefon, welches ihm vorweg den Weg ins kalte Nass gesucht hatte war unter den Stein auf dem wir saßen gerutscht. Das Telefon war nicht das Problem, aber auf der darin enthaltenen SD-Karte waren nicht nur Finns Aufzeichnungen über die letzten fünf Jahre, sondern auch sein Tagebuch über diese Reise. Finn stieg wieder in den Fluss und versuchte es erneut, aber es blieb erfolglos. Er gab auf und kletterte wieder zu uns rauf. Ich weiß, wie schmerzhaft es ist, wenn Aufzeichnungen für immer verloren sind. Das kriegt man nicht wieder rekonstruiert. Es würde die ganze Reise für ihn belasten. Also munterten Lukasz und ich ihn auf, es noch einmal zu versuchen. Diesmal mit dem Wanderstock und Handschuhen. Finn ließ sich breit schlagen und tatsächlich kam er ein paar Minuten später freudestrahlend mit seinem Telefon in der Hand wieder zu uns heraufgeklettert. Das Ding funktionierte sogar noch. Lukasz trocknete es mit viel Vorsicht ab, während Finn in seine Reserverklamotten schlüpfte.


Lukasz freut sich über das funktionierende Handy

Zum Glück hatten wir gestern die Badelatschen gekauft, sonst hätte er jetzt die nächsten zweieinhalb Kilometer zum Hotel in seinen nassen Wanderschuhen watscheln müssen. Es hieß jetzt, schnellst möglich dorthin zu gelangen, damit Finn ins Warme kam und wir seine Sachen trocknen konnten. Wir fanden das Hotel auf Anhieb, wunderten uns dann aber über die verschlossene Tür. Da tauchte auf einmal ein völlig zugedröhntes Pärchen auf. Er noch relativ am Anfang seiner Drogenkarriere und sie ganz offensichtlich mehr am Ende Von allen Karrieren. Aber er konnte Ein wenig Englisch und verstand unser Ansinnen. Er klingelte wie verrückt an der Hausglocke, aber nichts passierte. Zwischendurch torkelten einige sehr merkwürdige Gestalten aus dem Hotel heraus und man konnte Durch die Scheiben sehen, wie eine ziemlich leicht bekleidete Dame im Vorraum versuchte, den Getränkeautomaten zu verführen. Nach ca. 20 Minuten erschien jemand an der Tür, der eventuell der zuständige Sachbearbeiter für den Empfang hätte sein können. Im Moment schien er das selbst nicht so genau zu wissen, aber er signalisierte uns in einem Mix aus französisch und Englisch, dass wir für den Moment mal annehmen sollten, er wäre zuständig. Der junge Mann ließ sich von mir die Buchungsbestätigung auf dem Telefon zeigen und begann zu grinsen. „ You booked for the 21st to the 22nd of August. We are closed cause of Corona.“ Verdammt, hatte ich bei den vielen Störungen im Zug aus Versehen ein falsches Datum angeklickt. Gerade heute kam das sehr ungelegen, wir brauchten ein festes Quartier, denn Finn hatte nur noch ein trockenes T-Shirt von Lukasz, seine Badehose und die neuen Badelatschen, alles andere war total nass. Ich versuchte dem trunkenen und was weiß ich noch von was bedröhnten Empfangschef unsere Misere zu erklären, während zwei andere Gestalten aus dem Hintergrund versuchten, ihn wieder in die hinteren Gemächer des Hotels zu locken. Ich entnahm seinen Ausführungen, dass es ein weiteres F1 Hotel am anderen Ende der Stadt gäbe und das man da relativ einfach mit dem Bus hinfahren könnte. Er kritzelte mir noch den Namen des Stadtteils, in den wir fahren sollten, auf einen Zettel, gab dann den Bitten seiner Kollegen nach und verschwand nach hinten.

Da standen wir nun und der Tag dämmerte, es war schon kurz nach acht. Wir hatten uns Zeit gelassen, in der Gewissheit einer festen Unterkunft.

Unsere Frustrationstoleranz ist seit Anfang der Reise recht gut trainiert worden und wir können immer besser mit solchen Situationen umgehen. Ganz schnell hatten wir die nächste Bushaltestelle gefunden. Wir zeigten zwei dort wartenden Franzosen den Zettel mit dem Namen des Stadtteils und sie setzten uns in den richtigen Bus. Den sollten wir bis zur Endstation nehmen, dann wären wir fast da. Während der Busfahrt buchte ich für heute Nacht ein Zimmer in dem anderen F1 Hotel, um weitere böse Überraschungen bei unserer Ankunft dort zu vermeiden.

Mit einbrechender Dunkelheit kamen wir ziemlich erschöpft endlich dort an. Natürlich war kein Personal mehr da und wir waren drauf angewiesen, dass der Automat neben dem Eingang nicht nur meine Reservierung fand, sondern auch noch meine Kontokarte akzeptierte. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sich zu streuben, ließ er sich schließlich mit einer anderen Karte überlisten. Unser Zimmer war ein kleines Zimmer mit einem Doppelbett und einem Einzeletagenbett quer darüber. Ich ging nach oben und die Jungs nach unten. Wir waren so erledigt von all den Geschehnissen des Tages, dass wir alle einfach nur noch pennen wollten.

Das Fazit des Tages, frei nach Heinz Erhardt:


Falls fallend Du vom Ufer verschwandest, zieh Dich aus, bevor Du im Wasser landest.


Fussel hat Hotel

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