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  • Olaf

Der Traum ist aus

28.06.2020

Für heute gibt es keine Fotos Keiner von uns hat heute darüber nachgedacht, das Elend auch noch bildlich festzuhalten. Am Morgen waren wir zunächst damit beschäftigt unser Zeug auf das zu reduzieren, was nicht nur platzmäßig in unsere Rucksäcke passte, sondern auch vom Gewicht her noch einigermaßen tragbar für uns war. Lukasz probierte alles, um sich nicht von seinem Klappstuhl trennen zu müssen, ich versuchte das Kochgeschirr irgendwie mit unterzubringen. Aber beim Nachwiegen mussten wir beide einsehen, dass beides den Rucksack einfach zu schwer machte. Wir mussten die Rucksäcke auf unter zehn Kilo bringen, denn im Alltag des pilgerns kommen auf einigen Etappen schnell noch zwei bis drei Kilo Getränke und Essen dazu. Also weg mit allem Überfüssigen.

Gegen Mittag waren wir dann alle soweit und wir hatten unsere Habe im Rucksack verstaut. Stephie setzte uns an einem anderen Campingplatz an einer Auffahrt zur A1 ab und fuhr mit den Eseln, unserem restlichen Gepäck und unserem Traum von der Eselwanderung nach Santiago von dannen. Wenn es jetzt noch geregnet hätte, wäre es ein perfekter Moment gewesen.

Wir liefen ein paar hundert Meter einen Hang hinab und kamen an einen kleinen an einem See gelegenen Campingplatz. Wir aßen erstmal was in dem dazugehörigen Imbiss und bauten dann auf. Finn Lukasz und ich sprachen heute wenig miteinander, wir konnten alle die Situation noch gar nicht begreifen. Larry und Sjørd hatten in den letzten Wochen unseren Tag dominiert. Alles drehte sich um sie und das im positiven Sinne. Wir sind wirklich gemeinsam mit ihnen gelaufen bei jedem Wetter. Wegen ihnen haben wir an den unmöglichsten Stellen übernachten müssen aber auch können. Wenn die Beiden los wollten, brachen wir auf und wenn sie nicht mehr konnten, machten wir Feierabend. Futter und Wasser besorgen, sie bürsten, die Hufe checken, mit ihnen beim Essen gemmeln, all das war auf einmal weg. Die beiden sind uns allen Dreien in den letzten Wochen noch mehr ans Herz gewachsen, als sie es ohne hin schon waren und eben genau deswegen sind sie jetzt nach Hause gefahren. Das oberste Ziel jeder meiner Reisen ist immer, dass alle Beteiligten heile und unbeschadet nach Hause kommen ohne bleibende Schäden. Trotzdem haben wir alle uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und davon mussten Lukasz, Finn und ich uns heute erholen. Das war auch kein Problem mehr, denn wir wurden mangels Esel von niemandem mehr beachtet.

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© 2020 by Olaf Seebode