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Tag der Entscheidungen


Das Loch in der Matte senkt den Schlafkomfort

18.06.2020

Gegen 3 Uhr 20 riss mich meine Altherrenblase aus dem Schlaf und gab mir das Gefühl, dass ich besser jetzt als später aus dem Schlafsack schlüpfen sollte. Das Prasseln des Regens auf meinem Tarp machte den Gedanken, es wenn auch nur für kurze Zeit verlassen zu müssen, nicht gerade einladend. Aber es half nichts, ich musste raus. Ich schlüpfte in die Schuhe und aus dem Tarp, tat was ein Mann tun muß, wenn er muß und schlüpfte dann nur schnell in mein Tarp zurück, dabei stütze ich mich auf meiner Luftmatratze ab. Ich hörte nur ein kurzes „PFT“ und dann kniete ich auf dem harten Boden des Waldes. Im Schein der Taschenlampe konnte ich erkennen wieso die Matte malörig geworden war. Der Verschluss meiner Armbanduhr hatte beim Abstützen die Matte berührt und die hatte den Kontakt mit dem Verlust ihrer strukturellen Integrität beantwortet. So etwas ist überaus ärgerlich mitten in der Nacht im Wald bei strömenden Regen. Was also tun in einer solchen Situation, um die restliche Nacht noch zu retten? Das Wichtigste zuerst, dachte ich mir und googelte nach der Email Adresse des Herstellers. Dem schrieb ich erstmal einen saftigen Beschwerdebrief. Nachdem das erledigt war, flickte ich die Matte und legte mich dann wieder auf sie, allerdings ohne sie aufzupumpen, denn der Kleber des Flickens benötigt laut Hersteller acht Stunden bis er durchgetrocknet ist. Nun gab es nur noch eins zu tun, das Wetter und den harten Untergrund zu ignorieren und sich vorzustellen, man läge in einem warmen, weichen Bett irgendw… und da war ich auch schon eingeschlafen.

Mich weckte dann gegen acht der Regen, bzw. der nicht vorhandene Regen. Ich hatte in der WetterApp gesehen, dass es mindestens bis neun Uhr regnen sollte, dann hätten wir auch so lange im Trockenen bleiben müssen, nun war es acht und es regnete nicht mehr. Das brachte wieder alles durcheinander und ich rief erst einmal bei dem Outdoorshop an, der mir diese instabile Isomatte verkauft hatte und handelte einen Umtausch in einer anderen Filiale aus. Dann packte ich zusammen und weckte die Jungs. Das Packen verlief sehr zäh, denn alles war nass oder klamm und wir fühlten uns alle sehr spakig, denn die letzte Dusche war auch schon ein paar Tage her. Ferner hatten wir im Allgemeinen das Gefühl, wir kommen nicht schnell genug voran. Wir waren also nicht wirklich gut gelaunt, als wir uns aufmachten Richtung Kierspe. Wir wollten dort frühstücken und mein Pilgerbruder von 2017 Lukas wollte uns dort besuchen und etwas mitlaufen. Beim Frühstück auf einer Wiese neben einer Tankstelle befragten wir Google maps nach den bisher gelaufenen Kilometern ab Hilter, dem Ort an dem wir Anfang des Monats unsere Reise wiederaufgenommen hatten. Das Ergebnis teilten wir durch die Tage, die wir unterwegs waren und kamen auf eine Tageskilometerleistung von etwas über zehn. Wir kriegten einen echten Schock, denn es war uns der Anstrengung, die es gekostet hatte viel mehr vorgekommen. Wenn wir so weiterlaufen, können wir Weihnachten in Spanien feiern. Das geht nicht. Wir stellten uns also die Frage, was tun? Die Esel können nicht schneller laufen, ohne dass wir sie treiben müssten. Das ist aber keine Option. Sie sollen die Reise genießen und auch für uns wäre das nur Stress. Ohne die Esel würden wir mehr Strecke machen am Tag, da das ganze Auf- und Abbauprozedere wegfallen würde. Wir müssten auch nicht soviel und lange Pausen machen, wie im Moment. Es kristallisierte sich die Frage raus, was ist uns wichtiger, Santiago zu erreichen in einer angemessenen Zeit und das eventuell ohne Larry und Sjørd, oder mit den Eseln so weit zu laufen, bis uns die Zeit ausgeht, mit dem Preis das Ziel eventuell doch nicht zu erreichen. Nun war die Stimmung ganz dahin. Wir waren alle schwer ins Grübeln gekommen, während wir zum Bahnhof stapften, um meinen Freund Lukas vom Zug abzuholen.

Der rief an und vermeldete, dass er sich verspäten würde und so hatten wir noch Zeit weiter zu diskutieren und die Laune weiter in den Keller sinken zu lassen.

Lukas kam schließlich und wir zogen gemeinsam in einen nahegelegenen Stadtpark um. Eigentlich wollten wir etwas Warmes essen und dann weitergehen, aber in dem ganzen Ort waren alle Imbiss-,Döner- und Pizzabuden geschlossen. Lediglich an einer war ein Schild angebracht, welches versprach, dass es wohl ab 17 Uhr Pizza geben soll.

Also beschlossen wir, bis dahin weiter im Stadtpark zu warten. Wir hatten die Esel auf der Grünfläche hinter uns eingezäunt, das erweckte natürlich das Interesse der Passanten und wir mussten viele Fragen beantworten, z. B. ob wir jetzt immer Donnerstags da wären, was denn das Eselreiten für die Kinder kosten würde, wann denn der Rest von unserem Zirkus kommen würde und noch einige mehr, auf die man erst einmal kommen muss.

Wir waren im Kopf ganz woanders. Wir rechneten Kilometer und Tage durcheinander, wogen fürs und wieders ab und hatten eigentlich schon beschlossen, dass wir die Esel am Samstag abholen lassen. Aber wir wurden in unseren Überlegungen immer wieder unterbrochen. Dieses mal von zwei Frauen des Ordnungsamtes, welchen der Menschenauflauf gemeldet worden war, den wir verursacht hatten. Ob wir eine Genehmigung für die Veranstaltung hätten. Ich war mir nicht bewusst, dass wir was veranstaltet hätten. Wir würden hier eigentlich nur kurz Pause machen und auf die Öffnung der Pizzabude warten. Das wäre in Ordnung, meinte die Dame vom Ordnungsamt, aber ihnen wäre eine Störung der Ordnung gemeldet worden und da hätten sie ordnungshalber mal nachsehen müssen. Das fände ich auch in Ordnung, entgegnete ich, ich würde mich auch ordentlich wundern, wenn ich hier vorbei käme und auf einmal zwei Esel im Stadtpark stünden. Dann schwenkte die Stimmung der beiden Damen um und sie fragten ordnungsgemäß, ob sie noch ein paar Fotos von den Eseln schießen dürften. Dann kamen noch zwei Vertreter der Gemeinde und wir hatten eine erneute Gesprächsrunde, die ganz interessant war, weil wir ziemlich viel über den Ort erfuhren, indem wir uns befanden. In dem ganzen Chaos tauchte mit einmal eine Mutter mit einem kleinen Kind auf und weil sie die Soundsovielte Mutter mit Kind an diesem Nachmittag war, muss ich zugeben, dass ich nur so halb hinhörte, was sie sagte, ich war ja immer noch mit unserer Problematik beschäftigt. Insbesondere Lukasz war total geknickt und mir war auch mehr zum heulen zumute, als Kinder zu bespassen. Die junge Mutter erzählte was von, sie hätte auch Pferde und ne Wiese und nen Garten. und ob wir vielleicht noch was bräuchten. Moment, ne Wiese? Wir hatten noch kein Quartier. Ich hakte ein und sie bot an, dass wir bei ihr und ihrer Familie im Garten schlafen könnten. Das wäre gleich um die Ecke. Nun war ich ganz wach. Ich sagte sofort zu mit dem Einwand, dass wir noch eine Pizza essen wollten und die Pizzeria erst um 17 Uhr öffnen würde. Das wäre kein Problem, ihr Kind bräuchte sowieso noch Zeit zum spielen und sie würde ja sehen, wenn wir fertig sein würden mit dem Essen. Sie käme uns dann holen. Lukas der arme Kerl war in diesem Chaos ganz zu kurz gekommen, aber wie bereits erwähnt, kennen wir uns vom Pilgern und so war ihm die Situation nicht fremd. Er schloss sich uns also kommentarlos an, als wir mit der netten jungen Mutter in Richtung ihres Hauses trotteten.

Das Haus lag an einem sehr steilen Hang und der Garten war nur von der Rückseite des Grundstückes über eine Seitenstraße erreichbar. Die Esel und wir mussten ganz schön kraxeln, um in den Garten zu gelangen. Sie bot uns ein Gästezimmer an und zeigte uns das Bad. Das Haus war voller fröhlicher Kinder und es herrschte ein buntes Treiben im Garten.

Lukasz hatte beim Abendessen den Vorschlag gemacht, dass wir es in den nächsten Tagen nochmals mit den Eseln versuchen sollten und zwar mit verändertem Gepäck. Wenn die Esel abgeholt würden, müssten wir eh mehr tragen. Ferner war die Gelegenheit günstig Lukas etwas mitzugeben. Außerdem gab es einen Landhandel im Ort, wir können morgen früh also Fliegenmasken uns Insektenspray für Larry und Sjørd besorgen. Wir strukturierten also alles komplett um und das mit großem Eifer, denn es galt, die Tour zu retten. Wir nutzten den restlichen Tag mit dem Instandsetzen der Ausrüstung. Gegen neun brachte ich dann Lukas zum Bahnhof. Mit dem hatte ich eine interessante Unterhaltung zum Thema fotografieren auf Reisen. Wenn ein Moment gut ist, dann kann man ihn kaputt machen, in dem man ihn fotografiert. Den Leuten ist es oft wichtiger anderen zu zeigen, was sie erlebt haben, als die Dinge wirklich zu erleben und zu genießen. So kam es, dass mir nachdem ich Lukas am Bahnhof abgesetzt hatte auffiel, dass wir gar kein gemeinsames Foto geschossen hatten.


dann reparieren wir das mal
fertig
Garten miit Gefälle, gefällt uns
Dem Finn die Hosen nähen...


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