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  • Olaf

Unter Geiern


Vor dem Aufstieg können wir noch lächeln

09.07.2020

Heute Morgen gab es um sieben Frühstück in der Herberge. Allerdings ist so ein Frühstück in Frankreich oder auch in Spanien für mich als Norddeutschen eher so eine Art Zumutung, ein kleiner Joghurt, ein bisschen Baguette mit etwas Marmelade, ein Apfel und dazu ein kleiner in Plastik verpackter Kuchen. Man muss sich echt wundern, dass diese Völkchen so lange überlebt haben. Wie kann man nur unter fünf Eiern und etwas Speck in den Tag starten? Aber egal, eine Regel ist, der Pilger nimmt, was er kriegt und freut sich darüber. Wir steckten uns noch einen Apfel in die Tasche und dann ging es los.

Direkt hinter Saint Jean-Pied-de-Port geht es gleich mit einer Steigung los, die anstatt aufzuhören immer steiler wird. Wir schleppten uns also den Berg hoch. Obwohl wir eigentlich schon recht gut eingelaufen sind, war es trotzdem beschwerlich, denn die Sonne ließ nicht lange auf sich warten und schenkte uns ordentlich Wärme. Um zehn Uhr morgens waren wir schon bei 23 Grad. Wir waren noch nicht lange unterwegs, da floss der Schweiß bereits in Strömen. Irgendwann brüllte Lukasz, ich solle schnell nach oben gucken. Ich tat, wie mir geheißen und erkannte das Problem sofort. Eine Schar Greifvögel formierte sich kreisförmig über mir und Fussel. Verdammte Axt, das Problem kannte ich nur zu gut, ich musste 2013 zweimal herabstürzende Adler mit meinen Stöcken daran hindern, sich meine kleine Fussel als Snack zu holen. Das war damals aber jeweils nur einer, nun zählten wir mehr als acht. Ich nahm sofort Fussel auf dem Arm und wir liefen weiter. Nach etwa acht Kilometern kommt eine Bar mit Herberge. Dort machten wir Rast, um uns für den restlichen Aufstieg zu stärken. Der nette Kellner dort sprach ein recht gutes Englisch und so nutzte ich die Gelegenheit, ihn auf die Raubvögel, welche immer noch in unsere Nähe kreisten, anzusprechen. Er lacht und meinte, ich bräuchte mir keine Gedanken zu machen, das wären lediglich Geier, die darauf warteten, dass einer von uns tot liegen bliebe. Die hätten Angst vor allem, was noch lebt. Da ich kein Ornithologe bin fragte ich ihn, ob er sich da völlig sicher sei oder ob sie zwischendurch vielleicht auch mal eine Ausnahme machen würden. Nein, so etwas hätte er noch nie erlebt. Falls sie zu nahe kommen sollten, sollte ich einfach rumhüpfen und kreischen. Adler gäbe es hier in der Gegend eigentlich nicht. Ich sollte es wie gesagt nur unterlassen tot liegen zu bleiben. Da hier sterben in unserer Reiseplanung nicht vorgesehen war, war ich erst einmal beruhigt und wir zogen weiter. Dennoch achteten wir alle nun verstärkt auf die gute Fussel.

Es ging zunächst weiter auf einer Teerstrasse den Berg hinauf. Finn lief vorweg und war auf einmal nicht mehr zu sehen. Das ist hier im Gebirge nicht besonders gut, zumal der Weg nach einer Zeit von der Strasse abgeht und man sehr gut aufpassen muss, dass man diese Stelle nicht verpasst. Paulo Coelho beschreibt in seinem Buch über seine Reise auf dem Jakobsweg, dass er sich aufgrund des Verpassens dieser Abzweigung für fast eine Woche in den Bergen verlief. Bis dahin habe ich das Buch zumindest noch gelesen. Der Rest war mir dann zu wirr. Ich wusste, dass Finn sich noch nicht wirklich mit dem heutigen Tagesziel auseinander gesetzt hatte und dass von daher die Gefahr groß war, dass ihm selbiges passiert. Einen Jugendlichen in den Pyrenäen verlieren würde sich nicht wirklich gut machen in meinem Lebenslauf. Ich versuchte, ihn anzurufen, aber sein Telefon war nicht erreichbar. Also fragte ich Lukasz, der ohne Zweifel der Sportlichere von uns Beiden ist, ob er seinen Rucksack bei mir stehen lassen würde und versuchen könnte, Finn zurückzuholen. Er war sofort bereit und lief los. Nun waren Beide weg. In dem Moment kam mir ein Gedicht in den Sinn, welches meine Oma mir als Kind oft erzählte. Es handelt von einem Bauern, der den Jockel ausschickt und als der nicht wiederkommt schickt er den Knecht hinterher, den Jockel zu holen, der kommt auch nicht zurück, dann schickt er den Hund los, beide zu holen… Fussel bleibt hier, dachte ich spontan bei mir. Aber anders als in dem Gedicht tauchte nach einiger Zeit Finn auf. Lukasz hatte ihn gekriegt und ihn nun losgeschickt, seinen Rucksack zu holen, während er bei Finns Rucksack wartete. Letztendlich fanden wir alle wieder zusammen und konnten so meinen Lebenslauf für das Erste wieder einigermaßen ins Lot bringen.

Die Abzweigung von der Strasse tauchte tatsächlich ziemlich umgehend nach diesem Ereignis auf. Nun ging es auf eine Grasebene voller Schafe und wilder Pferde. In dem Film „The Way“ stirbt an dieser Stelle der Sohn des Hauptdarstellers in einem Gewitter.

Der Weg zog sich immer weiter und bis eben war es noch richtig heiß und sonnig gewesen, aber langsam zogen vermehrt Wolken auf, die nicht nur die Wettervorhersage von gestern bestätigten, sondern auch gehörige Kälte mit sich brachten. Also hieß es, sich schnell umzukleiden und möglichst noch schneller von dem Berg runterzukommen, denn von Weitem kündigte ein Donnergrollen an, dass es wohl tatsächlich noch ein Gewitter geben könnte und dort oben vom Blitz getroffen zu werden, könnte meinen Lebenslauf so ziemlich komplett aus der Bahn werfen. Unser Timing war aber wieder mal perfekt. Wir erreichten den höchsten Punkt des Tages und stiegen dann von dort ab, bevor das Gewitter uns zu nahe kam. Es donnerte erst los, als wir schon fast unten und somit aus der unmittelbaren Gefahrenzone waren.

Wir waren ziemlich kaputt und ausgehungert, als wir endlich die Klostermauern von Roncesvalles durch die vom Berg herabkriechenden Wolken sahen. Also enterten wir das erste Restaurant, was wir fanden und schlugen uns die Bäuche voll. Dann machten wir uns auf zu der dortigen Herberge. Unsere Hoffnung war zwar nicht sehr groß, dass die uns mit Hund nehmen würden, aber da hatten wir uns total getäuscht. Wir wurden total herzlich empfangen. Der Hund war überhaupt kein Problem, wenn wir vor dem Kloster zelten würden. Das war perfekt. So hatten wir eine warme Dusche und eine saubere Toilette und mussten nicht in einen Schlafsaal.

Wir bauten in Ruhe auf und versetzten unsere Körper wieder in einen sozialverträglichen Zustand. Dann gingen wir noch einmal in die nette Gaststätte und bestellten uns was Warmes zu trinken. Die Jungs bekamen einen heißen Kakao und ich erweiterte den Horizont der Wirtin, in dem ich ihr erklärte, wie man einen Grog zubereitet. Wir wollten gerade gehen, da tauchte um kurz nach zehn ein Typ in Jeans und T-Shirt aus dem Nebel auf. Auf dem Rücken hatte er eine Reisetasche an der zusätzlich noch eine Gitarre angebracht war. Er war ein wenig aus der Puste, denn er war erst gegen zwei Uhr in St-Jean gestartet. Mit unglaublichen 25 Kilo war er innerhalb von acht Stunden durch das Gewitter über den Pass gehechtet. Da die Herberge ab zehn geschlossen war, nahmen ihn einfach mit zu unserem Zeltplatz und so hatte er auch einen guten Platz zum Schlafen.

Finn und Lukasz kurz vor der Herberge
Run to the hills
Lukasz zählt Schafe ohne einzuschlafen
Waaer holen für den Hund
Oft kann man sich hier nur schämen, Deutscher zu sein
Der Anblick entschädigt für die Anstrengung
Ohne Worte
Eigentlich ganz hübsch
Über den Wolken
Fussel genießt die Pause
Zum zweiten Mal mit Fussel über den Pass
Der Aufstieg nimmt kein Ende
Zeltaufbau bei Wind ist was für Fortgeschrittene

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