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  • Olaf

Von Winden und Wipfeln


Unser Abendpanorama

16.06.2020

Die letzte Nacht war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich hatte gestern den Tisch der Hütte vor deren Eingang gestellt, um den Eseln den Weg nach draussen zu versperren. Ich selbst hatte mich mit meiner Isomatte und meinem Schlafsack darauf gebettet, um nicht zwischen den Hufen der Esel schlafen zu müssen. Das Ergebnis war, dass ich genau auf Höhe des Eselapfelspenders von Larry schlief. Aber dieser Spender spendet nicht nur Dünger, sondern auch die mit der Produktion verbundenen Winde. So kam es, dass mir in der Nacht ab und zu ein wärmendes und dezent stark riechendes Lüftchen um die Nase wehte. Da die Esel immer Kopf an Hintern des Anderen stehen, hatte der mir schräg gegenüber nächtigende Finn das Vergnügen mit Sjørds Abgasen. Der Unterschied dabei ist Larrys sind langgezogen und gefühlvoll und bieten ein sanftes Aroma mit lang anhaltendem Nachklang in von der Wetterlage abhängigen halb bis ein stündigen Intervallen. Sjørd hingegen knallt die Dinger kurz und würzig raus, immer einen Lauten vorweg und dann vier bis fünf immer leiser werdende hinterher. Finn und ich analysierten beim Frühstück eifrig, wessen nächtliches Schicksal wohl härter gewesen war.

Nun gut, aber so waren wir wenigstens die Nacht über konstant informiert, dass die Beiden noch leben und ihr Verdauungstrakt gut funktioniert und was heute verdaut wird, kann einem morgen nicht mehr schwer im Magen liegen. An ein entspanntes Ausschlafen war aber in Folge solcher Umstände nicht zu denken. Was aber eigentlich gar nicht schlecht war, denn so kamen wir heute wenigstens mal früh auf den Weg.

Wir zogen weiter durch eine schöne aber hügelige Gegend, bis wir in einem kleinen Ort ankamen und uns bei einem Bäcker mit Frühstück versorgen konnten. Frisch gestärkt ging es dann weiter durch Wald und Flur, durch eine Gegend, die genauso anstrengend, wie wundervoll zu durchlaufen ist. Die ganze Zeit wurden wir von dem angenehmen Geruch des Tannenwaldes begleitet, welcher durch den warmen, feuchten Boden besonders gut zur Geltung kam.

Die Esel sind bergab relativ langsam unterwegs, dafür geben sie bergauf um so mehr Gas, was uns zwischendurch an den Rand unserer Konditionsgrenze brachte.

Irgendwann verließen wir den Wald und stießen in einer Kurve auf eine kleine Landstrasse. Wir folgten ihr ein paar hundert Meter und kamen an einem alten ziemlich heruntergekommenen Haus vorbei. Davor stand eine Frau, die uns schon von Weitem zurief, ob wir auf der Walz wären. Sie hätte eine schöne Suppe für uns gekocht. Nichts Böses denkend hielten wir an und quatschten einen Moment. Sie bot noch einmal ihre Suppe an und fragte, ob wir sonst noch etwas bräuchten. Eine Dusche wär schön, dachte ich bei mir, aber bei genauerer Betrachtung und Benasung der Hausherrin, konnte ich mir schwer vorstellen, dass es in diesem Haushalt eine Waschmöglichkeit gab. Also verzichtete ich besser auf meine Frage.

Sie war war aber so echt sehr nett und wir hatten Hunger, ausserdem konnten die Esel in ihrem Garten gut ohne Sättel und geschützt pausieren, denn es regnete seit einiger Zeit schon wieder. Also brachten wir die Esel im den Garten und gingen mit ihr ins Haus.

Das Haus war von innen noch verkommener als von Außen. Es waren Löcher in den Wänden, alte Spinnweben hingen von der Decke und die ganze Bude stank nach altem großen Hund, wobei nicht auszumachen war, ob der Hund noch lebte oder schon seit längerem tot in der Ecke lag. Wir wurden an einen Tisch gesetzt und die Dame servierte uns eine Gemüsesuppe, die zu meinem Erstaunen echt lecker war. „Endlich Gäste“, rief sie als sie uns das Essen servierte. Dann verschwand sie erneut in der Küche und Lukasz stupste mich unter dem Tisch an und flüsterte mir zu: „Genauso fangen schlechte Horrorfilme an.“ Genau das Gleiche hatte ich auch gedacht, als wir das Haus betraten. Wir sahen also zu, dass wir schnell wieder vom Acker kamen. Obwohl ich sagen muss, die Dame war echt nett, das Essen gut und sie gab uns noch Eier und Schokolade mit auf den Weg. Trotzdem waren wir alle Drei froh, als wir wieder an der frischen Luft waren. Wir gingen noch ein Stück die Strasse entlang und bogen dann an einem Industriegebiet wieder in den Wald, welcher uns gleich mit einer amtlichen Steigung begrüßte. Die Esel gaben ordentlich Gas und Lukasz und ich hatten Mühe, mit ihnen Schritt zu halten. Oben angekommen waren wir komplett außer Atem und durchgeschwitzt. Mich beruhigte das allerdings etwas, denn die Tatsache, dass ich oben nicht einfach tot umfiel, zeigte mir, dass mein Herz wohl noch recht fit ist.

Wir hatten noch keine Ahnung, wo wir heute Nacht bleiben sollten, da entdeckte Lukasz auf der Karte ein Pfadfinderheim in ein paar Kilometern Entfernung. Da ich immer noch Mitglied bei den Pfadfindern bin, dachte ich mir, das wäre ein gute Adresse für uns. Wir gingen einen kleinen Berg hoch und kurz vor dem Erreichen des höchsten Punktes, lag hinter einer großen Hecke ein kleines Häuschen, bei dem ein Schild mit der Aufschrift „Pfadfinderheim“ an der Tür angeschlagen war. Die Türen waren verrammelt und auf klingeln und klopfen reagierte niemand. Aber an die Hauswand war ein großer QR-Code anepinselt. Ich scannte ihn und es öffnete sich die Internetseite des Heimes. Leider reagierte auch niemand auf die dort angegebene Telefonnummer, als ich diese anrief. DieJungs hatten inzwischen eine am Hang liegende Wiese auf der gegenüber Liegenden Seite des Weges entdeckt, die Aufgrund von einer Feuerstelle in der Mitte und mehreren Zeltabdrücken drumherum, schwer nach einem Lagerplatz aussah. Also richteten wir uns dort häuslich ein. Denn heute kriegte ich hohen Besuch. Mein alter Freund Jan hatte sich angekündigt, er ist einer der Gründe, warum es diesen Blog gibt. Er war einer der emsigsten Leser meines ersten Blogs 2013 und hat seine Freude daran mir gegenüber oft kund getan und da ich ihn sehr schätze, hat es mich motiviert, auch bei meinen anderen Reisen weiter einen Blog zu schreiben. Bei der 2013er Tour hat er mir eine Etappe lang den Rucksack getragen, um mal zu gucken, wie das ist. Ich freute mich deswegen sehr, dass er sich es auch bei dieser Tour nicht nehmen ließ, mir einen Besuch abzustatten. Wir verbrachten ein paar viel zu kurze Stunden mit einem traumhaftem Blick auf den Abendhimmel über den Wipfeln des schönen Sauerlandes. An die dieser Stelle möchte ich den dortigen Bewohnern gegenüber ein großes Kompliment aussprechen für ihren guten Geschmack bei der Landschaftsgestaltung ihrer Heimat. Vielleicht könnte man, bis wir das nächste Mal wiederkommen ein bis zwei der größeren Hügel etwas abflachen, denn beim außer Puste kommen krieg ich immer so schlecht Luft.

Durch das wilde Sauerland
Hinab ins Dorf
Da ziehen sie durch Wald und Flur
Fussel hat gerne die Übersicht
Jan, Olaf, Larry und Sjørd

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