Suche
  • Olaf

Zuviel Regen ist auch nicht schön


Fussel hat Hunger

17.06.2020

Am Morgen waren die Klamotten schnell wieder verpackt, lediglich unsere Tarps waren noch nass beim Verräumen. Der Rest war aber von der hohen Luftfeuchtigkeit der Nacht relativ verschont geblieben. Wir waren ein paar Meter gegangen, da sprach uns ein Hundebesitzer an, was wir da machten. Wir erklärten ihm unsere Mission in kurzen Worten und er fing an zu lachen, „Na dann kommt heute die beschissenste Stadt auf Eurem weg, viel Spaß!“. Einen solchen Reisewunsch hatten wir bis jetzt noch nie erhalten. Wir hatten aber sowieso vor, die Stadt Lüdenscheidt nur zu tangieren, da Städte für uns immer schlecht sind. Man kommt schlecht voran, muss ständig auf die Tiere aufpassen und unzählige Fotoshootings und Fragearien über sich ergehen lassen. Das ist einfach nur Stress.

Am Anfang der Stadt mussten wir aber über ein paar Kilometer auf der Umgehungsstrasse laufen. Viele Autos fuhren vorbei und grüssten und manche hupten auch, wohl um uns aufzumuntern, das ist von der Grundidee wohl ja sehr nett gemeint, aber ziemlich schlecht mitgedacht, denn Tiere neigen dazu, sich zu erschrecken bei plötzlichem Lärm. Nur gut, dass unsere drei Vierbeiner alle recht schussfest sind durch die vielen Trainingstouren.

Wir entdeckten einen kleinen Bäcker in der Front eines großen Baumarktes und machten es uns davor gemütlich. Die nette Bäckersfrau war so begeistert von unserer Tour, dass sie uns das ganze Backwerk schenkte, was ich kaufen wollte, so musste ich nur den Kaffee bezahlen. Auch das ist sehr nett gemeint, aber war in dem Moment ziemlich blöd für uns, denn ich wollte eigentlich noch mehr zu essen bei ihr kaufen, aber das mochte ich danach irgendwie nicht mehr tun. Das hätte so gewirkt, wie: „Oh, wenn das hier alles umsonst ist, brauche ich noch mehr…“

Wir zogen also weiter auf der Suche nach einer Stelle, wo wir unser Frühstück komplettieren könnten. Nach ein paar Kilometern kam eine Tankstelle. Als wir die Esel neben dem Staubsauger anbanden kamen zwei super nette Verkäuferinnen zu uns und fragten, ob wir eventuel Wasser oder Sonstiges bräuchten. Wasser war eine gute Idee, einen starken Kaffee dazu und danach könnte ich eventuell noch den Toilettenschlüssel gebrauchen. Auf diese Weise konnten wir uns auch noch notdürftig waschen und die Zähne putzen.

Weiter ging es der Umgebungsstrasse entlang zwischen jeder Menge Industrie und dem damit verbunden Lärm und Gestank. Aber irgendwann bogen wir wieder in die wunderschöne Natur des Sauerlandes ab. Wir machten kurz hinter einem netten kleinen Reiterschloss im Grünen Rast und dann ging es durch einen wunderschönen Wald in ein altes Truppenübungsplatzgelände, was sich die Natur inzwisch langsam zurückgeholt hat. In dessen Mitte sind große hügelige Wiesen auf denen seltene Urrinder grasen. Das Ergebnis war, dass es relativ viele Bremsen gab, die unsere beiden Esel zunehmend piesackten. Das verlangsamte unser Tempo sehr und wir mussten sie halb den Berg in den rettenden Wald raufziehen. Wenn wir dort länger verweilt hätten, wären sie total zerstochen worden. Wir versuchten gemeinsam das Schlimmste von ihnen abzuhalten, in dem wir wie die Wilden mit unseren Händen versuchten, möglichst viele von den Plagegeistern zu erschlagen. Von weitem muss das ausgesehen haben, als würden da drei Irre eine Breakdance - Koreografie mit zwei Eseln einstudieren.

In dem Moment war uns aber gar nicht so zum Lachen zumute, denn das gehäufte Aufkommen der Insekten, die dunklen Wolken über uns und die schwere Luft um uns kündigten einen ordentlichen Regen an. Selbiges sagte auch die WetterApp voraus.

Wir waren gerade auf dem Kamm des Berges angekommen, da begann es über uns bedrohlich zu grollen und es fing langsam an sich einzuregnen. Gewitter auf einem Berg ist bekanntermaßen eher suboptimal. Wir wissen das aus der Schule, dem Fernsehen, dem Internet und einige Ältere unter uns eventuell auch noch aus Büchern. Aber die Esel waren nicht in der Schule und verweigern konsequent jeden Medienkonsum. Bei Dingen, die ihnen unheimlich sind bleiben sie halt einfach stehen um die Lage zu sondieren. In solchen Fällen zeigt sich

der Esel einer vernünftigen, konstruktiven Diskussion eher unaufgeschlossen gegenüber eingestellt.

Die Geschwindigkeit unseres fluchtartigen Verlassens der Gefahrenstelle gestaltete sich in Folge dessen in einem recht überschaubaren Rahmen. Sie war der Situation ganz und gar nicht angemessen. Zudem nahm der Regen immer mehr zu und proportional dazu sank die Belastbarkeit unserer manchmal doch sehr sensiblen Nerven. So war es unmöglich das Tagesziel heute noch zu erreichen. Nach einer ewig wirkenden Zeit kamen wir an eine Kreuzung in ein kleines Dorf und es schüttete unaufhörlich, es gab nichts, wo wir uns mit den Tieren hätten unterstellen können oder gar übernachten. Wir mussten weiterziehen, aber wie das so ist im Leben, nach dem Berg ist immer auch gleich vor dem Berg. Es ging nämlich erst einmal wieder gut bergauf und dann um eine Ecke herum weiter bergauf, zu dem war der Wald in Folge des Tannensterbens der letzten Jahre ganz licht geworden und gab so den tiefgrauen Wolken reichlich Platz, sich über uns auszuschütten. In solchen Situationen schmunzle ich immer gerne über die Leute, die mir im Alltag immer erzählen, dass sie auch schon einmal so Urlaub machen wollten. In Momenten, wie diesen will das wirklich niemand.

Nach einiger Zeit erreichten wir eine Stelle, die geeignet war ein Notcamp aufzuschlagen. Sie lag etwas abseits des Weges und lag relativ geschützt zwischen Bäumen. Wir bauten uns dort auf und verkrochen uns in unsere trockenen Schlafsäcke.


Morgendliche Hufpflege
Herrlich so Truppenübungsplatz ohne Truppen
Über sieben Brücken musst Du gehen
Aufbau des Camps im Regen

0 Ansichten

© 2020 by Olaf Seebode